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Ich seh dir in die Augen, Kleines…

Ein Plädoyer für die Augen

Der ausgeprägteste Sinnes- und Informationskanal sind unsere Augen. Hunderte von Redewendungen drehen sich tagtäglich um den Blick. Obwohl unser Auge ein Meisterstück ist, ist es doch den Sehfähigkeiten vieler Tierarten deutlich unterlegen und betrügt uns oft genug. Warum also diese enorme Bedeutung?

Weil es uns tatsächlich ermöglicht, einen direkten Kontakt zum Inneren unseres Gegenübers in Sekundenschnelle aufzubauen. Nehmen wir doch das berühmte Beispiel von der Liebe auf den ersten Blick. Selbst wenn ihr diese Erfahrung noch nicht gemacht habt, dann doch sicherlich auf den zweiten Blick. Verliebte schauen sich überdurchschnittlich oft und lange in die Augen. Sie verlieren jegliches Zeitgefühl und befinden sich in einer Art Trance. Dieser Zustand stellt eine tiefe Verbindung zum anderen her und wir beginnen ihn zu spüren. Und zwar ganz anders, als zuvor. Wir haben das Gefühl, ihn ein Leben lang zu kennen, seine Gedanken zu verstehen und auch selbst endlich verstanden zu werden. Es ist sogar erwiesen, dass sich oft der Herzschlag und die Atmung der beiden Partner synchronisieren. Man ist auf „einer Wellenlänge „…. Warum vernachlässigen wir dann im Nachhinein diesen mächtigen Verbindungskanal? Warum schauen wir uns nicht mehr tief in die Augen? Die Antwort ist, dass wir uns nicht trauen. Wir wollen gar nicht, dass der andere so tief in unserer Seele liest. Wir wollen unsere Schatten nicht preisgeben. Im Grunde mögen wir die Oberfläche…., weil sie unverbindlicher ist. Und so verlieren wir die Verbindung, oder bauen sie gar nicht erst auf. Ein Paradebeispiel ist der Ablauf eines Streits. Das Szenario ist meist gleich und altbekannt. Jeder redet sich in Rage und überlegt nur noch, wie er den anderen maximal verletzen kann. Eine Frage: schaut ihr euch dabei in die Augen? So richtig tief und fest und eindringlich?

Das glaube ich kaum… da fallen wohl eher Sätze wie „Ich kann dich nicht mehr sehen“ „Geh mir aus den Augen“ und ähnliche. In diesen Fällen schaut man an einander vorbei und sieht sich nicht. Selbst wenn man das Gesicht und die Mimik des Partners wahrnimmt, so dringt unser Blick nur ganz selten tief in seine Augen. Wir sind dann völlig mit uns selbst beschäftigt und unsere Sicht ist wie benebelt.

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Ich habe schon als Kind mit meiner besten Freundin ein Spiel gespielt. Wir sahen uns in die Augen so lang wir nur konnten. Das gab uns ein unglaubliches Gefühl von Vertrautheit, Stärke und Mut. Kaum ein anderer war in der Lage unserem Blick standzuhalten. Das war unsere einzigartige Verbindung und wir fühlten schon damals genau, wie viel die Augen verraten und wie sie uns ermöglichen, einander zu spüren. Reden war in diesen Momenten völlig überflüssig. Diese Experimente führten wir im Alter von elf Jahren durch und die Verbindung hält übrigens immer noch 😊

In letzter Zeit musste ich ganz oft an dieses Spiel denken und begann die Menschen in meinem Leben wieder tiefer anzusehen, und zwar mit einem geraden und langen Blick. Auf einmal öffneten sie sich und erzählten mir ganz persönliche Dinge. Sie gaben mir die Chance, sie besser zu verstehen und in ihre Welt einzutauchen. Das bescherte mir Gespräche mit einer Tiefe, die ich so nicht erwartet hätte. Durch diesen direkten Zugang der Emotionen wurden Worte und Logik zweitrangig. Diese Erlebnisse haben mich sehr berührt. Da leuchtete es mir ein, dass Augenkontakt  eigentlich Berührung mit den Augen bedeutet. „Contingere“ ist der lateinische Ausdruck für „berühren“und in Perfekt Passiv heißt es contactus sum – ich bin berührt worden. Schon vor Ewigkeiten ist also dieser Sinn in unserer Sprache verankert worden. Wenn wir also in die Augen schauen, dann geht es nicht um beobachten, oder sehen, sondern um fühlen und sich berühren lassen.

Lasst uns jetzt wieder zu unserem Beispiel zurückkehren. Ratet mal was passiert, wenn ihr während des Streits dem Anderen tief in die Augen schaut? Und zwar länger als 8 Sekunden. Die Länge ist entscheidend, weil sie die Tiefe bestimmt. Es braucht eine gewisse Zeit, um sich aufeinander einzustimmen. Je kürzer der Blick hingegen ist, desto oberflächlicher bleibt er. Also was meint ihr, was geschieht?

Ihr stellt eine Verbindung her. Eine echte. Auf einmal könnt ihr spüren, dass diese Wut nur der Ausdruck von Verletztheit und Traurigkeit ist. Auf einmal fühlt ihr mit. Auf einmal seid ihr empathisch. Auf einmal schwindet alle Wut. Auf einmal wisst ihr genau, was euch verbindet und schaut nicht mehr auf das, was euch trennt.

Es ist ein wirklich unbeschreibliches Gefühl, wie echt dann ein Gespräch werden kann und welche Spuren es in unserem Herzen hinterlässt.

Das wünsche ich euch! Das wünsche ich uns – Kommunikation von Herz zu Herz!

Es ist anfangs ungewohnt und ihr könntet dazu neigen, die Augen immer wieder abzuwenden. Das ist völlig ok. Auch euer Gegenüber wird anfangs möglicherweise erstaunt, oder gar verlegen sein. Mit jedem weiteren Versuch wird euer Blick etwas tiefer gehen und ihr werdet den Aufbau der Verbindung förmlich spüren.

Darum heißt es wohl auch: „Schau mir in die Augen, Kleines….“, nicht wahr? 😉

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